YOUROPEAN Salon – „Diesmal wähle ich – 65,7%“ – Parteien zur EU-Wahl

Gestern begrüßten wir zu einem weiteren spannenden YOUROPEAN Salon: In einer Podiumsdiskussion lieferten sich die Teilnehmer spannende Debatten zum Brexit, Urheberrecht, einer gemeinsamen europäischen Armee, Zuwanderungspolitik, Umweltschutz, Osteuropa, Energiepolitik und verfassungsrechtlichen Themen.

V.l.n.r.: Marlies von der Malsburg, Sven Simon, Nicola Beer, Rainer Schulze.

Disukssionsteilnehmer waren Nicola Beer (MdB, Staatsministerin a.D., Generalsekretärin der Freien Demokraten), Marlies von der Malsburg (Büroleiterin des SPD- Europaabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Sozialdemokraten (S&D) Dr. Udo Bullmann), Prof. Dr. Sven Simon (Spitzenkandidat der Hessen-CDU für die Europawahl) und Moderator Rainer Schulze (F.A.Z.- Redakteur der Rhein-Main-Zeitung).

Brexit: Dunkle Erinnerungen drängen sich auf….

Es ist irgendwie verflixt…

Irgendwie fasse ich das alles nicht. Da haben wir alles auf dem Tisch liegen. Allen ist alles klar. Die Katastrophe liegt direkt vor uns. Die Unternehmen fliehen bereits schreiend. Das Volk staunt, die EU statuiert ein Exempel, die britischen Aristokratenköpfe, in ihrem bodenlosen Gelangweilt-sein, haben mal wieder ein bisschen Spaß, weil es mal ein wenig in der Bude funkt und es mal wieder ein wenig nach Abenteuer und hoffnungsloser Schlacht riecht, die man aber selbstverständlich – mit steifer Oberlippe – gewinnen wird.
Das Volk staunt immer noch. Und es wird in diesem traurigen Spiel die Zeche zahlen. Die Industrie wandert aus.

So war es auch vor gut 100 Jahren. Das Verhältnis zwischen der Entente und den Mittelmächten war gar nicht so schlecht. Klar gab es Konkurrenz und auch mal Ärger. Aber einen Krieg? Das wollte keiner. Schließlich waren ja alle Herrscher über Queen Victoria eng miteinander verwandt. Und deutsche Soldaten dienten in der russischen oder britischen Ehrengarde. Missverständnisse, Sturheit, Prinzipienreiterei und vor allem Politik ohne Plan brachten dann das Desaster mit sich.
Und: Der Vergleich zum harten Brexit ist durchaus gerechtfertigt. So gravierend werden die Folgen sein.

Dabei soll mich niemand falsch verstehen: Persönlich werde ich ein Kriegsgewinnler sein, da Frankfurt durch einen harten Brexit enorm gewinnen wird. Schon jetzt haben sich 45 (!) neue Bankinstitute in Frankfurt angesiedelt.

Dennoch weine ich um Großbritannien. Es sieht ja jetzt schon mächtig gerupft aus. Von den Schlüsselindustrien, die vor dem ersten Weltkrieg noch die mächtigsten der Erde waren, ist lediglich die Finanzindustrie übriggeblieben. Diese und sogar die Zuliefererindustrien packen nun die Koffer und wollen das Land verlassen.

Was soll denn nun passieren? Es sollte doch so einfach sein, aber nein. An irgendwelchen dramatisch blöden Ideen wird stur festgehalten. Die Verantwortlichen sollten sich dringend alle zusammensetzen und praktikable, wahrlich auf der Hand liegende Lösungen beschließen und in Brüssel durchsetzen. Man könnte die Frage auch so stellen: Warum verharrt die EU so stur auf ihrer Grenzlösung? Wäre es nicht ein Weg, dem Prozess eine fünf-jährige Frist zu geben und sich dann wieder zusammenzusetzen, um zu sehen, wie sich die Situation entwickelt hat?
Sonst kommen wir mal wieder, wie vor 105 Jahren, aus heiterem Himmel wegen ein paar gelangweilten Abenteurern in ein zerstörerisches Geschehen, welches in erster Line Großbritannien, dann aber auch sicherlich den Rest Europas erfasst.

Ein Kommentar von Bodo Bimboese

Nachruf auf den ermordeten OB Pawel Adamowicz

Auf Bitten von Youropean hat der Danzig-Experte PD Dr. Peter Oliver Loew einen Nachruf auf den ermordeten Danziger Oberbürgermeister Pawel Adamowicz verfasst. Peter Loew ist neben seiner Arbeit als Wissenschaftler am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt auch der Stellverteter des Direktors in wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus übt er Lehraufträge an den Technischen Universitäten in Darmstadt und Dresden aus. An letzterer wurde Peter Loew im Jahr 2014 habilitiert und ist dort als Privatdozent tätig.

Zum Tod von Paweł Adamowicz
Ein Oberbürgermeister, der Hoffnung machte

Peter Oliver Loew, Deutsches Polen-Institut

Paweł Adamowicz war der Oberbürgermeister der Stadt Danzig. Er lebt nicht mehr. Er wurde ermordet, auf offener Bühne, in seiner Heimatstadt, während der größten Wohltätigkeitsveranstaltung Polens. Seine letzten Sätze lauteten: „Danzig ist großzügig und verbindet sich mit dem Guten. Danzig will eine Stadt der Solidarität sein. (…) Es ist eine wunderbare Sache, sich an die Seite des Guten zu stellen. Ihr seid wunderbar. Danzig ist die wunderbarste Stadt der Welt. Danke!“ Wenige Sekunden später stach der Täter dreimal zu, ein kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassener Krimineller, der meinte, sich an der liberalen Partei rächen zu müssen, unter deren Regierungszeit er verurteilt worden war.

Seit dem 14. Januar 2019 ist Polen geschockt, und am geschocktesten ist die Stadt selbst: Danzig begriff sich in den letzten beiden Jahrzehnten als Stadt der Freiheit, der liberalen Bürgerlichkeit, als Vorreiter einer Neuerfindung polnischer Identität jenseits zentralistischer Staatsvorstellungen. Diese Neudefinition ist zu einem guten Teil ein Verdienst Adamowiczs: Seit er 1998 das Amt des Oberbürgermeisters (auf Polnisch: Stadtpräsident) übernahm, eigentlich schon als Vorsitzender des Stadtparlaments seit 1994, hat er darauf hingearbeitet. Danzig hat sich in dieser Zeit tatsächlich in ungeahntem Maß verändert: Aus einer nach den Kriegszerstörungen und dem Bevölkerungsaustausch von 1945 nach wie vor zerrissenen, unfertigen Stadt, die lediglich in zwei, drei Sommermonaten auflebte, wenn Touristenströme durch die wiederaufgebauten Straßen zogen, ist ein dynamisch vibrierendes Gemeinwesen geworden, das sich in vielen Richtungen verändert hat. Der Wiederaufbau der historischen Innenstadt wurde energisch vorangetrieben, die Verkehrsinfrastruktur mit enormen Investitionen verbessert, neue Stadtteile erschlossen, vor allem aber erhielt die Stadt eine neue kulturelle Identität, versöhnte sich mit ihrer „deutschen“ Vergangenheit. Es ist Adamowicz und seinen liberalen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu verdanken, dass diese sozusagen multikulturelle Erzählung über die Stadt zu einer allgemein akzeptierten lokalen Erzählung geworden ist.

Adamowicz wurde als Vertreter dieser liberalen, europäischen, regionalistischen Erzählung ermordet. Polen diskutiert nun darüber, welche Rolle hierfür die dramatische Polarisierung der Gesellschaft spielt, die vor allem durch die lange marginalisierten Rechten vorangetrieben worden ist. Nachdem sie unter Führung der Partei Recht und Gerechtigkeit 2015 an die Macht gekommen sind, haben sie keine Mühen gescheut, um Polen umzukrempeln und vieles von dem, wofür das liberale Polen lange gekämpft hatte, rückgängig zu machen. Dieser Kulturkampf, maßgeblich vorangetrieben von Jarosław Kaczyński, zwingt jede Polin, jeden Polen zur Stellungnahme: Bist Du dafür, bist Du dagegen? In diesem Klima gegenseitiger Schuldzuweisungen, Beleidigungen, und angesichts der Tatsache, dass den Vertretern der Liberalen, der proeuropäischen Linken von Seiten der Regierenden oft abgesprochen wird, gleichberechtigte Mitglieder der polnischen Nation zu sein, ja als „Verräter“ gegen ein eng definiertes „nationales Interesse“ zu verstoßen, wurde Adamowicz ermordet. Insofern ist es, selbst wenn der Mörder ein psychisch gestörter Krimineller ist, auch ein politischer Mord. Polen ist erschüttert.

Paweł Adamowicz wird fehlen. Er wird auch mir fehlen. Ich habe ihn als stets für alle Vorschläge offenen, herzlichen und positiven Menschen erlebt. In vielen Gesprächen hat er immer wieder versucht, meine Skepsis über die von ihm geschaffenen Mythen und neuen Erzählungen zu zerstreuen. Ich blieb skeptisch, kann aber auch die Augen nicht davor verschließen, dass diese Mythen Danzig verändert haben: Es wurde zu einer Stadt, die Vergangenheit und Zukunft verband und aus der Geschichte Kraft für die Zukunft schöpfte. Das gelingt nicht jeder historischen Stadt. Insofern hat Paweł Adamowicz Besonderes geleistet. Seine Liebe zur Stadt Danzig ging einher mit einer großen Zuneigung zu den in ihr lebenden und aus ihr stammenden Menschen. Er, dessen Familie selbst aus Wilna vertrieben wurde, schloss selbst die deutschen Vertriebenen aus Danzig in dieses Bild seiner Stadt mit ein: Keine Selbstverständlichkeit angesichts nationalistischer Diskurse, die in Polen nie ausstarben und gegenwärtig neu aufblühen. Landesweit bekannte Lokalpolitiker mit einer ungebrochenen, unbesiegbaren, unverbiegbaren Leidenschaft, wie Adamowicz sie verkörperte, sind ein gutes Gegenmittel gegen eine oft abstrakt argumentierende und die Wirklichkeit fälschende Rhetorik der Spaltung, wie sie sich zynische, verbitterte und lediglich vom Drang nach Machterlangung und Machterhalt getriebene Politikerinnen und Politiker ausdenken.

Polen wird sich verändern. Die Ermordung von Paweł Adamowicz könnte zu einem Weckruf für alle diejenigen werden, die an ein Europa der Bürgerinnen und Bürger, an ein Europa von unten glauben, an ein Europa, das nicht von griesgrämigen Misanthropen, sondern von wahren Menschenfreunden regiert und verwaltet wird. Zumindest ein wenig Hoffnung in einer traurigen Zeit.

Mit der Mode gehen

Ein Ausdruck, den vermutlich jeder kennt. Aber wie sieht unsere aktuelle Mode denn nun eigentlich aus? In den Modezeitschriften tauchen heute Begrifflichkeiten wie „Fair Fashion“ oder „nachhaltig produziert“ auf – eine Orientierung, die vor fünf Jahren mit einem tragischen Ereignis angestoßen wurde. Spätestens seitdem werden „Nachhaltigkeit“ und „Umweltbewusstsein“ immer öfter in einem Atemzug mit „Mode“ verwendet. Findet diese Entwicklung in der europäischen Gesellschaft Anklang oder geht sie einfach nur mit der Mode?

YOUROPEAN weiß die Antwort für euch – in einer Online-Marktforschungsstudie analysierte das ISK (Institut für Strategie und Kommunikation GmbH) für uns die Frage „Wie gut kommt „Nachhaltigkeit in der Mode“ bei den Konsumenten an?“. Die Ergebnisse könnt ihr in unserer Pressemitteilung nachlesen:

Mode und Nachhaltigkeit in Europa

Kleider alleine machen keine Leute mehr!

Frankfurt, den 05.12.2018 – In der Mode ist in Westeuropa zur Zeit ein gewaltiger Paradigmenwechsel im Gange. Produktionsbedingungen, Stoffzusammensetzungen, Herstellungsort und -geschichte werden immer stärker hinterfragt. Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit spielen eine immer größere Rolle in der europäischen Modewelt.

Dies ist das Ergebnis einer Online-Marktforschungsstudie, die das ISK (Institut für Strategie und Kommunikation GmbH) im Auftrag des YOUROPEAN e.V. im Zeitraum von Juli bis November 2018 durchführte. Beobachtet wurden die entsprechenden Internetdiskussionen der westeuropäischen Modeschwergewichte Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien. Berücksichtigt wurden alle Äußerungen und Meinungen zum Thema „Wie gut kommt „Nachhaltigkeit in der Mode“ bei den Konsumenten an?“ im Web. Insgesamt wurden mehr als 46.930 repräsentative Quotes ausgewertet.

2013 fiel mit dem Fabrikeintsurz Rana Plaza in Bangladesch ein Warnschuss, der im europäischen Modeverständnis ein kritisches Hinterfragen und Umdenken auslöste. Heute stehen nicht mehr Mode und kreative Entwürfe im Fokus – Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Herstellungsmethoden und Produktionsbedingungen spielen in Westeuropa inzwischen eine ebenso wichtige Rolle. Vor allem in Deutschland, Großbritannien und Spanien verlagert sich die Orientierung mehr in Richtung Umwelt und Nachhaltigkeit. Das Verlangen nach Transparenz über Arbeitsbedingungen, Stoffzusammensetzungen und Herstellungsorte wächst. Obendrein werden Regionalität und das Gütesiegel „Made in“ immer mehr geachtet, besonders in Frankreich und Italien. In Frankreich schlägt Nachhaltigkeit sogar dem Preis den Rang ab. Verstaubtes Öko-Image sowie „grüne Mode“ erfahren wieder Aufwind und auch Vintage-Mode erlebt ein Comeback. „Blindem Modekonsum“ wird vor allem in Spanien und Italien mit längerem Tragen und Wiederverwendung von Kleidung entgegengehalten.

Gehört der Islam zu Europa?

Zweimal JA. Einmal NEIN.

Anlässlich der Diskussionen, die schon im Vorfeld der Buchmesse zum Thema Europa und Islam geführt werden, dokumentieren wir die Ergebnisse eines der letzten YOUROPEAN Salons. Professor Dr. Tilman Allert, Soziologe und Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, hat die Frage „Gehört der Islam zu Europa“ aus seiner Sicht klar beantwortet:

JA – Kognitiv gehört der Islam für Allert eindeutig zu Europa. Unter Bezug auf Angelika Neuwirth (Der Koran als Text der Spätantike, 2010) ist der Koran für ihn ein „riesiges kanonisches Gebilde, in dem Elemente dessen, was wir abendländische Geschichte nennen, aufgenommen ist und verarbeitet ist“.

JA – Sozial-strukturell sei der Islam ebenfalls zweifellos ein Teil Europas. Allert – Sohn eines schiitischen Vaters und einer christlichen Mutter – verweist hier auf seine eigene Familienbiographie und auf die rund 7 Millionen Muslime allein in Deutschland. Er ergänzt, dass diese islamische „Wanderungsgeschichte“ die europäisch-christliche Tradition nach seiner Wahrnehmung in keiner Weise bedrohe.

NEIN – Was die „Orthodoxierung des Dogmas“ angeht. Für Allert fehlt ein systematisch und ohne Waffen geführter „theologischer Streit“ über den angeblichen Primat des Islam (“wir sind die Ersten“), der zu einer Europäisierung des Islam führen könne.

Siehe hierzu die Zitate im Video:

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Vom Schrecken ins Licht

– Retrospektive auf den Luxemburger Maler und großen Europäer Edmond Goergen eröffnet am 1. Juni 2018 in Bitburg –

 

Unter der Schirmherrschaft der königlichen Hoheiten, dem Großherzogs und der Großherzogin von Luxemburg, zeigt das Haus Beda in Bitburg, im Dreiländereck zwischen Belgien, Luxemburg und Deutschland, vom 1. bis 30. Juni 2018 eine Retrospektive auf die Werke und das Leben des Luxemburger Malers Edmond Goergen (1925 – 2000).

Wer war Edmond Goergen?

Edmond Goergen war ein großartiger Mensch und Künstler, der neben den Sonnenseiten des Lebens auch die wahren Schattenseiten kennen lernen musste. Er wurde im zweiten Weltkrieg von den Nazis festgenommen und in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er trotz schrecklicher Erfahrungen den positiven Blick und seinen Optimismus für eine bessere Zukunft in unserem meist doch sehr schönen Europa nie verlor. Er drückte dies in seiner Kunst, aber auch in verschiedenen politisch-kulturellen Initiativen aus.

Wir, Cecilie Mössle und Magda Mumme, Abiturientinnen 2017 des Lessing-Gymnasiums, hatten das Vergnügen ein aufschlussreiches Interview mit Viviane Goergen, der in Frankfurt am Main lebenden jüngeren Tochter des 2000 verstorbenen Künstlers führen zu dürfen. Der Stolz der Pianistin Viviane Goergen auf ihren Vater ist unter anderem durch seine vielen Bilder, die ihre Frankfurter Wohnung schmücken, spürbar.

Und wenn es Ihnen als Leser des Interviews wie uns geht, werden Sie sich neue Gedanken zu Ihrer eigenen Einstellung gegenüber Europa machen.

Goergen_Gemälde

Abtei Prüm mit Fahnen der Europäischen Gemeinschaft (1985)

 

„Ja, Kunst schafft Frieden.“

 

Interview mit Viviane Goergen

Wir beide hatten die Ehre Viviane Georgen kennenzulernen und mehr über ihren Vater Edmond Goergen zu erfahren. Edmond Goergen war ein luxemburgischer Maler, Zeichner, Restaurator und Widerstandskämpfer. Er wurde im Dezember 1914 geboren und gab seine größte Leidenschaft für die Kunst und seine Hoffnung auf Frieden in der Welt trotz schrecklicher Erfahrungen während der NS-Zeit nicht auf. Er starb im April 2000 und hinterließ unter anderem seine wunderschönen Werke, von denen wir einige bei seiner Tochter bewundern konnten.

Wir haben uns viel mit dem Leben Ihres Vaters befasst und haben ihn als einen sehr starken, optimistischen und leidenschaftlichen Mann kennengelernt. Wie ist er Ihnen in Erinnerung geblieben?

Frau Goergen: Ja das stimmt. Er ist ein sehr starker Mann gewesen, abgesehen von seiner Körperkraft, war auch sein ganzes Wesen voller Stärke und Optimismus, der ihm geholfen hat immer weiterzumachen und nicht aufzugeben. Mein Vater war zudem sehr begeisterungsfähig und liebte die Natur, die alten Gebäude, die Kirchen. Damals in den Ferien sind wir von Kirche zu Kirche gefahren und voller Begeisterung hat er einen Stein nach dem anderen auf Unterschiede untersucht.

Uns ist bewusst, dass Edmond Goergen in einfachen sozialen Verhältnissen aufwuchs und es ihm dadurch nicht möglich war seinem größten Wunsch, Maler zu werden, nachzugehen. Durch die Umstände war er vorerst gezwungen einen technischen Beruf zu erlernen.
Uns interessiert, ob seine Eltern seine Leidenschaft zur Kunst akzeptiert haben und ob sie für die Kunst ebenfalls Begeisterung pflegten?

Frau Goergen: Ja, wie Sie richtig sagten, kam mein Vater aus bescheidenem Haus, in dem dennoch sehr viel Sinn für Schönheit und Kunst existierte. Wenn es meinem Großvater möglich gewesen wäre, wäre er Schauspieler geworden. Er war sehr begabt und ist als Laie des Öfteren in kleinen Theatern aufgetreten.

Beide Elternteile meines Vaters brachten großes Verständnis und Bewunderung für die Leidenschaft und des Talent meines Vaters auf.

Ich komme aus Luxembourg und dort haben wir eine andere Einstellung zur Kunst und es fällt mir immer wieder hier auf, dass, wenn hier jemand Kunst macht, dies von den Eltern oft nicht unterstützt und unterdrückt wird. Das ist in Luxembourg nicht der Fall. Man hat dort einen gewissen Respekt und Achtung vor Künstlern und man unterstützt sie auch von privater Seite sehr stark. In Frankreich, wo ich auch lange gelebt habe, ist dies genauso.
Ich hatte hier in Deutschland schon mit vielen Künstlern zu tun, wo die Eltern meinten, dass ein Beruf im künstlerischen Bereich ihnen nicht viel im Leben bringen wird, es würde sich um brotlose Kunst handeln. Das ist ein Denken, was hier stark verhaftet ist und ich finde es schade, weil es sich bloß um einen Gedanken handelt, der so vieles blockiert…

Frau Goergen, Sie sind nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, aber Ihr Vater hat diese Zeit als junger Mann miterlebt. Er war erst 28 Jahre jung, als er anfing als Widerstandskämpfer Menschen der Flucht aus Deutschland zu verhelfen, was uns sehr beeindruckt. Sind Sie stolz auf Ihren Vater oder betrachten Sie dies eher als leichtsinnig, immerhin konnte dieses Verhalten einem damals das Leben kosten.

Frau Goergen: Sein Handeln war äußerst gefährlich für ihn. Aber sie müssen sich vorstellen, dass Luxembourg ein kleines Land war, in das die Truppen sofort einmarschiert sind und die jungen Luxemburger rekrutiert wurden, um dann bei der Wehrmacht auf das eigene Volk zu schießen. Viele junge Luxemburger  haben sich damals ein Bein abschneiden lassen, damit sie unfähig waren in den Dienst zu gehen. Ich denke, dass mein Vater das Volk retten und schützen wollte. Er hat Menschen zusammengetrommelt und als er gemerkt hat, dass Luxembourg zu klein ist, hat er sich mit Frankreich zusammengetan. Mein Vater hat alleine 150 Luxemburgern geholfen über die Grenze nach Frankreich zu flüchten, wo sie dann von Franzosen bis nach England gebracht worden sind. Mein Vater sowie seine Anhänger waren alle sehr jung und hatten das Bedürfnis zu helfen. Sie hatten nicht mit den schweren Konsequenzen gerechnet, sondern instinktiv gehandelt. Mir ist bewusst, dass mein Vater in der Zeit sehr viel riskiert hat. Meine Mutter und meine Schwester waren auf einem Bauernhof jedoch gut aufgehoben, was damals immer ein sehr sicherer Ort gewesen ist. Ich bin sehr stolz auf meinen Vater und ich denke es ist richtig zu sagen, dass er ein außergewöhnlicher Mann war.

Nachdem Ihr Vater von der Gestapo verraten worden war, wurde er in das Konzentrationslager Mauthausen transportiert. Seine Leidenschaft für die Kunst hat er dort trotz der schrecklichen Verhältnisse weiter verfolgen können. Wie war das möglich, wenn den Häftlingen außer Essen und Kleidung nichts gegeben wurde? Wissen Sie, wie er sich das Material zum Zeichnen beschafft hat?

Frau Goergen: Mein Vater hatte einen luxemburgischen Freund, der ebenfalls  dort inhaftiert war. Er war ein sehr gescheiter Mann, der nach seiner Befreiung sogar Minister, Außenminister und Parlamentspräsident wurde. Er sprach 25 Sprachen. Auf seine Intelligenz ist man im Konzentrationslager schnell aufmerksam geworden, woraufhin er ins Büro versetzt wurde, wo er für die Nazis arbeiten musste. Dadurch hatte er gewisse Vorteile, wie zum Beispiel den Zugriff auf Papier und Bleistifte, die er meinem Vater heimlich weitergab. Als die Amerikaner das Lager befreiten, gelang es meinem Vater eine Reihe von Zeichnungen mitzunehmen, welche heutzutage in verschiedenen Museen ausgestellt sind.

War Kunst in dieser schrecklichen Zeit, die Ihr Vater erfahren hat, eine Art Überlebensmittel oder Kraftspender für ihn?

Frau Goergen: Ja, es ist sehr wichtig, dass man lernt einen Weg zu finden mit erlebten, schlimmen Ereignissen umzugehen. Bei meinem Vater war es das Zeichnen. Er konnte schlimme Schicksale, die er gesehen hat, durch Kunst einfangen und verarbeiten.

Nachdem er befreit worden war, behielt ihr Vater trotz schrecklicher Vergangenheit seinen optimistischen Blick auf die Welt bei. Er setzte sich zum Ziel Deutschland und die Nachbarstaaten wieder zusammenzubringen. Was hat Ihren Vater so dazu gedrängt?

Frau Goergen: Während seiner Gefangenschaft gehörte er einer politischen Gruppierung Gefangener aus der Tschechoslowakei an. Es waren sehr gescheite Leute mit denen er abends gute Gespräche führen konnte. Man einigte sich darauf, dass man im Falle einer Befreiung alles dafür tun müsse, den Völkerhass zu überwinden, damit so etwas nie mehr vorkommen muss. Jeder schwor sich einsetzten, die Menschen zusammenzubringen, was mein Vater dann in seinem Gebiet auch stetig versuchte. Sobald sich eine Möglichkeit ergab, versuchte er Maler aus Belgien, Frankreich und Deutschland dafür zu gewinnen sich bei Ausstellungen in den jeweiligen Ländern zu beteiligen. Das hat er bis zum Schluss weitergeführt. Kunst ist wie eine gemeinsame Sprache, die verbindet. Für Deutschland ist die Stadt Prüm für diese Ausstellungen verantwortlich gewesen.

Glauben Sie, dass man heute noch mit Kunst Frieden schaffen kann?

Frau Goergen: Mit jeglicher Art von Kunst, dazu zähle ich auch meine große Leidenschaft für die Musik, kann man Frieden schaffen. Durch die Kunst vereint man die Menschen. Die Musik hat zum Beispiel die Fähigkeit Menschen wieder zur vollkommenen Harmonie zu bringen und das funktioniert auf der ganzen Welt.

Manche machen sich die Kraft der Töne, andere der Farben und wiederum anderer der Worte zu Eigen. Kunst erweckt Gefühle und Gefühle sind bei den Menschen auf der ganzen Welt gleich. Die Probleme entstehen durch das Denken, durch das rein Rationale. Sobald Gefühle, das Herz und die Seele eine Rolle spielen, ist Friede da.

Mein Vater begegnete einst einem Mann, der, sobald es dunkel wurde, schizophren war und in seinem Wahn nächst beliebige Personen anfing zu würgen. Als mein Vater eines Nachts aufwachte und merkte, dass dieser Mann sich auf seinen Zimmergenossen gestürzt hatte und diesen würgt, kam ihm die plötzliche Idee ein Lied über Mütter zu singen. Kaum begonnen, ließ der Mann von dem anderen ab und verließ das Zimmer mit Tränen überströmtem Gesicht.

 

Persönliche Fragen

Wie war Ihr Vater privat? Hat er viel aus seiner Vergangenheit erzählt?

Frau Goergen: Bei uns wurde viel über die Zeit im Krieg gesprochen. Damals gab es keine Psychologen, die den Menschen beim Verarbeiten helfen konnten. Jeder musste also zurück in sein altes Leben kehren und mit der Vergangenheit alleine zurechtkommen. Viele Menschen suchten meinen Vater in seinem Atelier auf, um über seine Zeit im Konzentrationslager zu sprechen. Auch davon erzählte er uns, jedoch nie, was er in der Zeit empfunden hat. Trotz der schrecklichen Vergangenheit meines Vaters, hat er stets versucht das Schöne im Leben zu sehen und dies hat er mit schöner Natur in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht. Mein Vater hat sein “zweites Leben” sehr zu schätzen gewusst. Er hatte sehr viele Freunde, war sehr beliebt. Da er die Erfahrung gemacht hat, dass das Leben auf einen Schlag vorbei sein kann, versuchte er so viel wie möglich zu unternehmen.

Hat ihr Vater auch ab und zu mit Ihnen gemalt und seine Gabe geteilt?

Frau Goergen: Ja! Allerdings ist mein erstes Kunstwerk eine Katastrophe geworden. Mein Vater hat mich gemalt als ich drei Jahre alt war. Ich musste also da sitzen und zuschauen, wie er mit dem Pinsel arbeitete, was für mich sehr interessant aussah. Plötzlich klingelte das Telefon, es war wohl ein dringender Anruf, also ging er weg und hatte mich zusammen mit der Staffelei vergessen. Ich wartete eine Weile, bis ich mich auf seinen Stuhl setzte und selbst den Pinsel in die Hand nahm. Die Katastrophe, die ich auf die Leinwand brachte, versteckte ich mit schlechtem Gewissen hinter anderen Bildern. Abends wollte mein Vater unserem Besucht das Werk stolz präsentieren. Anfangs nahm er es mir, nachdem er das Bild endlich gefunden hatte, sehr übel bis er allmählich verstand, dass ich es aus Begeisterung an der Kunst getan hatte. Wir malten noch oft zusammen und auch sein Talent scheint mir wohl in die Wiege gelegt worden zu sein. Allerdings reichte es mir, meinen Vater als Vater zu haben und nicht als Lehrer.

Haben sie ein Lieblingsbild von Ihrem Vater?

Frau Goergen: Mein Lieblingsbild im Moment ist das vom Baum. Es ist ein sehr starkes Bild, wobei er hier eine etwas kältere und ernstere Atmosphäre aufs Papier gebracht hat. Trotz seiner positiven Einstellung, konnte er seine Vergangenheit jedoch nicht ganz ausblenden. Dieser Baum versprüht eine enorme Energie, die mein Vater ebenfalls besaß.

Finden sie Ihren Vater oft auch in sich selbst wieder?

Frau Goergen: In gewissen Dingen ähneln wir uns sehr. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander und die Kunst sowie die geistige Ebene haben uns sehr verbunden. Sein politisches Engagement begeisterte mich immer sehr, weshalb ich ihm gerne zuhörte. Er konnte die Politik von einer Vogelperspektive einschätzen, wie es nur wenige konnten und lag mit seinen Aussagen auch meist sehr richtig. Die Gabe, sehr schnell einen Überblick zu gewinnen, habe ich von ihm.
Mein Vater hatte ein sehr gutes Menschenbild und sah auch bei schwierigeren Menschen das Gute. Auch die äußerlichen Ähnlichkeiten konnten wir nicht leugnen.

Das wars auch schon Frau Goergen. Vielen vielen Dank, dass wir da sein durften und Sie uns so offen auf unsere Fragen geantwortet haben.

Brücken

Brücke Karl des IV. in Prag, Tschechien (1981)

 

In der Nachkriegszeit war Goergen 1957 maßgeblich an der Gründung der  „Europäischen Vereinigung Bildender Künstler aus Eifel und Ardennen“ beteiligt, einer Vereinigung von Künstlern aus Belgien, Frankreich, Luxembourg und Deutschland, welche regelmäßig Ausstellungen mit Repräsentanten der vier Länder organisierten.

1968 wurde ein Kulturabkommen zwischen Luxembourg und der Tschechoslowakei  verabschiedet, nachdem Goergen mit Peter Planer, dem späteren Kulturminister in Prag, im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert gewesen war. Ebenfalls 1968 war Goergen zusammen mit Pierre Grégoire Mitbegründer des Europäischen Komitees zur wissenschaftlichen Untersuchung der Entstehung und der Folgen des Zweiten Weltkriegs. Ehrenpräsidenten des Komitees waren Willy Brandt, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Pierre Grégoire, Außenminister des Großherzogtums Luxembourg, und André Malraux, Staatsminister für Kultur der Republik Frankreich. Bereits 1985 war Goergen Mitgründer der Deutsch-Luxemburgischen Begegnung mit Sitz in Trier; dadurch kam es zu vielen echten Freundschaften zwischen Luxembourg und Deutschland und darüber hinaus entstand ein reger kultureller Austausch zwischen den beiden Ländern inklusive großer Retrospektiven der Werke Goergens.

Bemerkenswert ist es, dass Edmond Goergen trotz seiner Erfahrungen im KZ nach so kurzer Zeit wieder bewusst Kontakt zu Deutschland suchte.

Wir beschließen unsere Hommage mit einem Zitat Edmond Goergens, das seinen Wunsch nach europäischer Vielfalt im Zusammenhang mit der europäischen Einigung kurz und klar dokumentiert.

„Dabei dürfen wir doch weder unsere Eigenart noch den Ausblick auf die internationale Völkergemeinschaft außer Acht lassen.“

Portait

Cecilie Mössle, Viviane Goergen und Magda Mumme

Im Mai 2018

Cecilie Mössle & Magda Mumme, Abiturientinnen 2017 des Lessing-Gymnasiums in Frankfurt am Main

Der Inhalt des Beitrags liegt in der Verantwortung des Verfassers und gibt ausschließlich die Meinungen, Ansichten und Einschätzungen von diesem wieder.

Es wird Zeit, dass wir uns emanzipieren

Oder: Ich will nur von Leuten regiert werden, die ich auch hätte wählen können

Es kommt nun langsam heraus: Donald Trump regiert mich, Frankfurt, Hessen, Deutschland, Europa. Und warum?

Weil wir Europäer uns einfach nicht einig sind. Unsere Kanzlerin mauert gegen die Europäische Einheit. Und sie ist dabei nicht alleine. Aber immerhin, ich habe keinen Grund zum Klagen, habe ich sie doch gewählt – oder hätte sie wählen können.

Donald Trump, den ich nicht hätte wählen können, regiert mich aber aktiv. Er schreibt mir und uns allen Europäern durch das Mittel der Erpressung vor, was wir zu tun und zu lassen haben.

Und ehrlich: Das will ich einfach nicht. Ich glaube unter anderem daran, dass die Verträge die wir mit dem Iran haben, eingehalten werden sollen.

Wenn die USA uns mit Handels, – Zoll, – und sonstigen Repressalien drohen, sollten wir Europäer gelassen aber eben in Einheit damit umgehen: Die vereinte,wichtigste Wirtschaftsmacht der Erde kann auch die USA nicht negieren. Wenn wir dann notgedrungen noch mit dem Rest der Welt enger zusammenrücken, wird die USA sich entweder isolieren oder eben in den bewährten Status quo zurückkehren.

Im Mai 2018

Bodo Bimboese, Mitbegründer von YOUROPEAN e.V.

Der Inhalt des Beitrags liegt in der Verantwortung des Verfassers und gibt ausschließlich die Meinungen, Ansichten und Einschätzungen von diesem wieder.