Nachbarn in Europa – Baltikum

„Es geht uns allen besser, weil es die EU gibt.“ (Dr. Mart Laanemäe)

An einem weiteren YOUROPEAN-Abend in diesem Jahr warfen wir gemeinsam mit zahlreichen Gästen den Blick auf die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Mit einem tollen Konzert der litauischen Pianistin Guoda Gedvilaite läuteten wir den baltischen Abend ein, bevor der S.E. Botschafter Dr. Mart Laanemäe das Wort ergriff.

In seinem Vortrag zum Thema „Estland zwischen Baum und Borke?“ verdeutlichte er die Wichtigkeit der Europäischen Union nicht nur im baltischen Kontext und gab tiefe Einblicke in beispielsweise die Rolle des Baltikums im Spannungsfeld zwischen Russland und den westlichen Demokratien. Ein gelungener und spannender Abend mit einem schönen Schlusswort von Dr. Mart Laanemäe: „Es geht uns allen besser, weil es die EU gibt.“

YOUROPEAN Salon – „Energiesicherheit in Deutschland und Europa“ – Dr. Bernhard Beck

Am vergangenen Montagabend veranstalteten wir einen weiteren YOUROPEAN Salon unter unserem Europawahl-Motto „Diesmal wähle ich – 65,7%“. Dr. Bernhard Beck, langjähriges Vorstandsmitglied der EnBW (Energie Baden-Württemberg) in Karlsruhe, gab uns spannende Einblicke in das Thema „Energiesicherheit in Deutschland und Europa“.

Ein toller Vortrag zum Status Quo des europäischen Energiesystems, energiepolitischen Zielen und Entwicklungen im europäischen Energiesystem sowie Implikationen auf die Energie- und Versorgungssicherheit.

YOUROPEAN Salon – Diesmal wähle ich – 65,7%“ – Parteien zur EU-Wahl

Gestern begrüßten wir zu einem weiteren spannenden YOUROPEAN Salon: In einer Podiumsdiskussion lieferten sich die Teilnehmer spannende Debatten zum Brexit, Urheberrecht, einer gemeinsamen europäischen Armee, Zuwanderungspolitik, Umweltschutz, Osteuropa, Energiepolitik und verfassungsrechtlichen Themen.

V.l.n.r.: Marlies von der Malsburg, Sven Simon, Nicola Beer, Rainer Schulze.

Disukssionsteilnehmer waren Nicola Beer (MdB, Staatsministerin a.D., Generalsekretärin der Freien Demokraten), Marlies von der Malsburg (Büroleiterin des SPD- Europaabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Sozialdemokraten (S&D) Dr. Udo Bullmann), Prof. Dr. Sven Simon (Spitzenkandidat der Hessen-CDU für die Europawahl) und Moderator Rainer Schulze (F.A.Z.- Redakteur der Rhein-Main-Zeitung).

Brexit: Dunkle Erinnerungen drängen sich auf….

Es ist irgendwie verflixt…

Irgendwie fasse ich das alles nicht. Da haben wir alles auf dem Tisch liegen. Allen ist alles klar. Die Katastrophe liegt direkt vor uns. Die Unternehmen fliehen bereits schreiend. Das Volk staunt, die EU statuiert ein Exempel, die britischen Aristokratenköpfe, in ihrem bodenlosen Gelangweilt-sein, haben mal wieder ein bisschen Spaß, weil es mal ein wenig in der Bude funkt und es mal wieder ein wenig nach Abenteuer und hoffnungsloser Schlacht riecht, die man aber selbstverständlich – mit steifer Oberlippe – gewinnen wird.
Das Volk staunt immer noch. Und es wird in diesem traurigen Spiel die Zeche zahlen. Die Industrie wandert aus.

So war es auch vor gut 100 Jahren. Das Verhältnis zwischen der Entente und den Mittelmächten war gar nicht so schlecht. Klar gab es Konkurrenz und auch mal Ärger. Aber einen Krieg? Das wollte keiner. Schließlich waren ja alle Herrscher über Queen Victoria eng miteinander verwandt. Und deutsche Soldaten dienten in der russischen oder britischen Ehrengarde. Missverständnisse, Sturheit, Prinzipienreiterei und vor allem Politik ohne Plan brachten dann das Desaster mit sich.
Und: Der Vergleich zum harten Brexit ist durchaus gerechtfertigt. So gravierend werden die Folgen sein.

Dabei soll mich niemand falsch verstehen: Persönlich werde ich ein Kriegsgewinnler sein, da Frankfurt durch einen harten Brexit enorm gewinnen wird. Schon jetzt haben sich 45 (!) neue Bankinstitute in Frankfurt angesiedelt.

Dennoch weine ich um Großbritannien. Es sieht ja jetzt schon mächtig gerupft aus. Von den Schlüsselindustrien, die vor dem ersten Weltkrieg noch die mächtigsten der Erde waren, ist lediglich die Finanzindustrie übriggeblieben. Diese und sogar die Zuliefererindustrien packen nun die Koffer und wollen das Land verlassen.

Was soll denn nun passieren? Es sollte doch so einfach sein, aber nein. An irgendwelchen dramatisch blöden Ideen wird stur festgehalten. Die Verantwortlichen sollten sich dringend alle zusammensetzen und praktikable, wahrlich auf der Hand liegende Lösungen beschließen und in Brüssel durchsetzen. Man könnte die Frage auch so stellen: Warum verharrt die EU so stur auf ihrer Grenzlösung? Wäre es nicht ein Weg, dem Prozess eine fünf-jährige Frist zu geben und sich dann wieder zusammenzusetzen, um zu sehen, wie sich die Situation entwickelt hat?
Sonst kommen wir mal wieder, wie vor 105 Jahren, aus heiterem Himmel wegen ein paar gelangweilten Abenteurern in ein zerstörerisches Geschehen, welches in erster Line Großbritannien, dann aber auch sicherlich den Rest Europas erfasst.

Ein Kommentar von Bodo Bimboese

Nachruf auf den ermordeten OB Pawel Adamowicz

Auf Bitten von Youropean hat der Danzig-Experte PD Dr. Peter Oliver Loew einen Nachruf auf den ermordeten Danziger Oberbürgermeister Pawel Adamowicz verfasst. Peter Loew ist neben seiner Arbeit als Wissenschaftler am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt auch der Stellverteter des Direktors in wissenschaftlichen Fragen. Darüber hinaus übt er Lehraufträge an den Technischen Universitäten in Darmstadt und Dresden aus. An letzterer wurde Peter Loew im Jahr 2014 habilitiert und ist dort als Privatdozent tätig.

Zum Tod von Paweł Adamowicz
Ein Oberbürgermeister, der Hoffnung machte

Peter Oliver Loew, Deutsches Polen-Institut

Paweł Adamowicz war der Oberbürgermeister der Stadt Danzig. Er lebt nicht mehr. Er wurde ermordet, auf offener Bühne, in seiner Heimatstadt, während der größten Wohltätigkeitsveranstaltung Polens. Seine letzten Sätze lauteten: „Danzig ist großzügig und verbindet sich mit dem Guten. Danzig will eine Stadt der Solidarität sein. (…) Es ist eine wunderbare Sache, sich an die Seite des Guten zu stellen. Ihr seid wunderbar. Danzig ist die wunderbarste Stadt der Welt. Danke!“ Wenige Sekunden später stach der Täter dreimal zu, ein kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassener Krimineller, der meinte, sich an der liberalen Partei rächen zu müssen, unter deren Regierungszeit er verurteilt worden war.

Seit dem 14. Januar 2019 ist Polen geschockt, und am geschocktesten ist die Stadt selbst: Danzig begriff sich in den letzten beiden Jahrzehnten als Stadt der Freiheit, der liberalen Bürgerlichkeit, als Vorreiter einer Neuerfindung polnischer Identität jenseits zentralistischer Staatsvorstellungen. Diese Neudefinition ist zu einem guten Teil ein Verdienst Adamowiczs: Seit er 1998 das Amt des Oberbürgermeisters (auf Polnisch: Stadtpräsident) übernahm, eigentlich schon als Vorsitzender des Stadtparlaments seit 1994, hat er darauf hingearbeitet. Danzig hat sich in dieser Zeit tatsächlich in ungeahntem Maß verändert: Aus einer nach den Kriegszerstörungen und dem Bevölkerungsaustausch von 1945 nach wie vor zerrissenen, unfertigen Stadt, die lediglich in zwei, drei Sommermonaten auflebte, wenn Touristenströme durch die wiederaufgebauten Straßen zogen, ist ein dynamisch vibrierendes Gemeinwesen geworden, das sich in vielen Richtungen verändert hat. Der Wiederaufbau der historischen Innenstadt wurde energisch vorangetrieben, die Verkehrsinfrastruktur mit enormen Investitionen verbessert, neue Stadtteile erschlossen, vor allem aber erhielt die Stadt eine neue kulturelle Identität, versöhnte sich mit ihrer „deutschen“ Vergangenheit. Es ist Adamowicz und seinen liberalen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu verdanken, dass diese sozusagen multikulturelle Erzählung über die Stadt zu einer allgemein akzeptierten lokalen Erzählung geworden ist.

Adamowicz wurde als Vertreter dieser liberalen, europäischen, regionalistischen Erzählung ermordet. Polen diskutiert nun darüber, welche Rolle hierfür die dramatische Polarisierung der Gesellschaft spielt, die vor allem durch die lange marginalisierten Rechten vorangetrieben worden ist. Nachdem sie unter Führung der Partei Recht und Gerechtigkeit 2015 an die Macht gekommen sind, haben sie keine Mühen gescheut, um Polen umzukrempeln und vieles von dem, wofür das liberale Polen lange gekämpft hatte, rückgängig zu machen. Dieser Kulturkampf, maßgeblich vorangetrieben von Jarosław Kaczyński, zwingt jede Polin, jeden Polen zur Stellungnahme: Bist Du dafür, bist Du dagegen? In diesem Klima gegenseitiger Schuldzuweisungen, Beleidigungen, und angesichts der Tatsache, dass den Vertretern der Liberalen, der proeuropäischen Linken von Seiten der Regierenden oft abgesprochen wird, gleichberechtigte Mitglieder der polnischen Nation zu sein, ja als „Verräter“ gegen ein eng definiertes „nationales Interesse“ zu verstoßen, wurde Adamowicz ermordet. Insofern ist es, selbst wenn der Mörder ein psychisch gestörter Krimineller ist, auch ein politischer Mord. Polen ist erschüttert.

Paweł Adamowicz wird fehlen. Er wird auch mir fehlen. Ich habe ihn als stets für alle Vorschläge offenen, herzlichen und positiven Menschen erlebt. In vielen Gesprächen hat er immer wieder versucht, meine Skepsis über die von ihm geschaffenen Mythen und neuen Erzählungen zu zerstreuen. Ich blieb skeptisch, kann aber auch die Augen nicht davor verschließen, dass diese Mythen Danzig verändert haben: Es wurde zu einer Stadt, die Vergangenheit und Zukunft verband und aus der Geschichte Kraft für die Zukunft schöpfte. Das gelingt nicht jeder historischen Stadt. Insofern hat Paweł Adamowicz Besonderes geleistet. Seine Liebe zur Stadt Danzig ging einher mit einer großen Zuneigung zu den in ihr lebenden und aus ihr stammenden Menschen. Er, dessen Familie selbst aus Wilna vertrieben wurde, schloss selbst die deutschen Vertriebenen aus Danzig in dieses Bild seiner Stadt mit ein: Keine Selbstverständlichkeit angesichts nationalistischer Diskurse, die in Polen nie ausstarben und gegenwärtig neu aufblühen. Landesweit bekannte Lokalpolitiker mit einer ungebrochenen, unbesiegbaren, unverbiegbaren Leidenschaft, wie Adamowicz sie verkörperte, sind ein gutes Gegenmittel gegen eine oft abstrakt argumentierende und die Wirklichkeit fälschende Rhetorik der Spaltung, wie sie sich zynische, verbitterte und lediglich vom Drang nach Machterlangung und Machterhalt getriebene Politikerinnen und Politiker ausdenken.

Polen wird sich verändern. Die Ermordung von Paweł Adamowicz könnte zu einem Weckruf für alle diejenigen werden, die an ein Europa der Bürgerinnen und Bürger, an ein Europa von unten glauben, an ein Europa, das nicht von griesgrämigen Misanthropen, sondern von wahren Menschenfreunden regiert und verwaltet wird. Zumindest ein wenig Hoffnung in einer traurigen Zeit.

Mit der Mode gehen

Ein Ausdruck, den vermutlich jeder kennt. Aber wie sieht unsere aktuelle Mode denn nun eigentlich aus? In den Modezeitschriften tauchen heute Begrifflichkeiten wie „Fair Fashion“ oder „nachhaltig produziert“ auf – eine Orientierung, die vor fünf Jahren mit einem tragischen Ereignis angestoßen wurde. Spätestens seitdem werden „Nachhaltigkeit“ und „Umweltbewusstsein“ immer öfter in einem Atemzug mit „Mode“ verwendet. Findet diese Entwicklung in der europäischen Gesellschaft Anklang oder geht sie einfach nur mit der Mode?

YOUROPEAN weiß die Antwort für euch – in einer Online-Marktforschungsstudie analysierte das ISK (Institut für Strategie und Kommunikation GmbH) für uns die Frage „Wie gut kommt „Nachhaltigkeit in der Mode“ bei den Konsumenten an?“. Die Ergebnisse könnt ihr in unserer Pressemitteilung nachlesen:

Mode und Nachhaltigkeit in Europa

Kleider alleine machen keine Leute mehr!

Frankfurt, den 05.12.2018 – In der Mode ist in Westeuropa zur Zeit ein gewaltiger Paradigmenwechsel im Gange. Produktionsbedingungen, Stoffzusammensetzungen, Herstellungsort und -geschichte werden immer stärker hinterfragt. Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit spielen eine immer größere Rolle in der europäischen Modewelt.

Dies ist das Ergebnis einer Online-Marktforschungsstudie, die das ISK (Institut für Strategie und Kommunikation GmbH) im Auftrag des YOUROPEAN e.V. im Zeitraum von Juli bis November 2018 durchführte. Beobachtet wurden die entsprechenden Internetdiskussionen der westeuropäischen Modeschwergewichte Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien. Berücksichtigt wurden alle Äußerungen und Meinungen zum Thema „Wie gut kommt „Nachhaltigkeit in der Mode“ bei den Konsumenten an?“ im Web. Insgesamt wurden mehr als 46.930 repräsentative Quotes ausgewertet.

2013 fiel mit dem Fabrikeintsurz Rana Plaza in Bangladesch ein Warnschuss, der im europäischen Modeverständnis ein kritisches Hinterfragen und Umdenken auslöste. Heute stehen nicht mehr Mode und kreative Entwürfe im Fokus – Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein, Herstellungsmethoden und Produktionsbedingungen spielen in Westeuropa inzwischen eine ebenso wichtige Rolle. Vor allem in Deutschland, Großbritannien und Spanien verlagert sich die Orientierung mehr in Richtung Umwelt und Nachhaltigkeit. Das Verlangen nach Transparenz über Arbeitsbedingungen, Stoffzusammensetzungen und Herstellungsorte wächst. Obendrein werden Regionalität und das Gütesiegel „Made in“ immer mehr geachtet, besonders in Frankreich und Italien. In Frankreich schlägt Nachhaltigkeit sogar dem Preis den Rang ab. Verstaubtes Öko-Image sowie „grüne Mode“ erfahren wieder Aufwind und auch Vintage-Mode erlebt ein Comeback. „Blindem Modekonsum“ wird vor allem in Spanien und Italien mit längerem Tragen und Wiederverwendung von Kleidung entgegengehalten.